Meran - Bis zu seinem Ausstieg vor rund 9 Jahren war er einer der bekanntesten Figuren der deutschen Neonazi-Szene. 15 Jahre kämpfte Axel W. Reitz (Jahrgang 1983) für den nationalsozialistischen Umsturz und gegen die Demokratie. Bis er der Szene den Rücken kehrte, mit seiner alten Weltanschauung brach und sich kritisch mit seiner Vergangenheit auseinandersetze. Heute ist er überzeugter Demokrat und engagiert sich gegen Radikalisierung und Totalitarismus in der Extremismusprävention. Wir haben mit ihm gesprochen.

Axel Reitz ist ein redegewandter und redseliger junger Mann, stehts adrett gekleidet und mit einem Lächeln auf den Lippen. Würde man ihn heute in der Fußgängerzone in Köln treffen, würde man seine Vergangenheit als strammen, deutschen Rechtsextremisten nicht erahnen. Die Frage, ob ihn die immer wiederkehrenden Erkundigungen nach den Gründen für seine Radikalisierung und seinen Aktivitäten an der Spitze der Neonazi-Szene, störe oder nerve, beantwortete er mit einem freundlichen und geduldigen Lächeln. Er sei nicht genervt, sondern dankbar dafür, wenn das Gespräch mit ihm gesucht und auch kritische Fragen an ihn gerichtet werden würden, sagt er. Es sei immer besser miteinander, als bloß übereinander zu reden. Und so erhalte er auch gleich die Gelegenheit, andere aus erster Hand vor eben jenen Fehlern zu warnen, die ihn selbst auf die schiefe Bahn gebracht haben. Reitz möchte heute vor allem eines: Über die Gefahren des Extremismus aufklären.

Als Neonazi war er darauf programmiert bis an die Grenzen des Strafrechts zu provozieren - und manchmal auch darüber hinaus. Um Aufmerksamkeit für sich und seine Ideologie zu erzeugen, aber auch um Gegenreaktionen hervorzurufen, die es ihm erlaubten, sich und seine "Bewegung" als Opfer des demokratischen Rechtsstaates, von Neo-Nazis verächtlich als "System" bezeichnet, darzustellen.

Mit 13 Jahren begann sein Weg in die Neonazi-Szene. Reitz wurde an einem Ort radikalisiert, der eigentlich eine Radikalisierung junger Menschen verhindern sollte: der Schule. Während eines Schulprojektes im Fach Sozialwissenschaften hatte er die Aufgabe, zwecks Informationsgewinnung für die Gründung eines Jugend-Parlamentes alle nicht vertreten Parteien des Bundestages in einer Collage zusammenzutragen. Neben der Biertrinkerpartei, den sogenannten Yogischen Fliegern oder der Autofahrerpartei besorgte Reitz auch die Wahlprogramme von linksextremen und rechtsextremen Kleinsparteien. Als seine Lehrerin bei der Vorführung der Zusammenstellung die Flyer von NPD, DVU und Republikaner kurzerhand entfernte, fühlte sich der junge Mann ungerecht behandelt. Zumal auf seine Frage, weshalb diese Parteien nicht dargestellt werden sollten, lediglich erwidert wurde, man dürfe solchen Gruppen keine Plattform bieten. Der Schüler fragte sich, weshalb seine Lehrerin die Werbung linkextremer Parteien erlaubte, die Massenmörder wie Mao und Lenin feierten und dem Kommunismus das Wort redeten, aber Parteien mit Parolen wie "Sicherheit durch Recht und Ordnung" nicht. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wandte er sich erneut an die zensierten Parteien - und landete im Dunstkreis der NPD. Von dort wurde er mit rechtesextremer Propaganda versorgt, deren Studium es ihm ermöglichte, im Unterricht provokative Fragen an die Lehrkräfte zu stellen, die diese nicht selten in Erklärungsnot - und zur Weißglut brachten. Dieses Spielchen ging soweit, dass die entnervten Pädagogen letztlich den Versuch unternahmen, Reitz von der Schule zu werfen. Erfolgos. Aber mit dem Ergebnis, dass der Heranwachsende sich in seiner neugefundenen Rolle als zu Unrecht verfemter Kritiker der Zustände in eine Opferrolle begab - und aus Trotz anfing, sich in der rechtsextremen Szene zu engagieren. Der Beginn einer anhaltenden Radikalisierung.

Mit Hilfe seiner rhetorischen Fähigkeiten, seinem Geschick zu provozieren und seiner tief empfundenen Überzeugung für die „richtige Sache“ einzustehen, machte

Reitz schnell Karriere in der Neo-Nazi-Szene und wurde vom Mitläufter zum Schrittmacher. Mit nur 15 Jahren gründete er in Köln eine der ersten "Freien Kameradschaften", organisierte Saalveranstaltungen, Demonstrationen und Kundgebungen für die Szene. Seine extremistische Prominenz reichte später so weit, dass der WDR in einer Dokumentation über Reitz Aktivitäten die Behauptung aufstellte, in der Szene würde er als "Hitler von Köln" bezeichnet werden. Reitz selbst bestreitet dies. „Hitler galt in der Szene als unerreichbares Idol und Lichtgestalt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, mich mit "dem Führer" auf eine Stufe zu stellen.“ Das Lustigste an der Bezeichnung „Hitler von Köln“ war allerdings, dass Reitz selbst nie in Köln gelebt hat, sondern lediglich im Rhein-Erft-Kreis vor den Toren Kölns. Was würde dieser Titel heute in ihm auslösen? „Fremdscham.“, ist seine Antwort.

Er war Neonazi mit Hingabe. Videos von ihm in seiner Zeit als Agitator und Einpeitscher der Szene zeigen einen jungen Mann, der fest und unumstößlich in seiner Weltanschauung und Ideologie gefangen zu sein schien. Aber die Zeit bewegte ihn zum Umdenken. Wegen seiner öffentlichen Auftritte, und dem anhaltenden Medienrummel darüber, verlor er immer wieder seine geringfügigen Beschäftigungen, mit denen er sich finanziell notdürftig über Wasser hielt. Seine schockierten Eltern setzten ihn mit 16 Jahren vor die Tür, als nächtliche Angriffe durch Linksextremisten auf das Haus der Familie und Besuche von Polizeibeamten zur Tagesordnung wurden. Eine Ausbildung fing der junge Mann nach dem Abgang von der Schule nicht an, stattdessen widmete er sich voll und ganz seinem politischen Aktivismus. 2006 kam er dann nach diversen Strafverfahren und Verurteilungen wegen politischer Delikte für zwei Jahre in Haft - eine volksverhetzende Rede auf einer NPD-Demo hatte ihm juristisch letztendlich das Genickt gebrochen. Davon unbeeindruckt machte er nach der Haftentlassung weiter. Als Hassprediger und Netzwerker. Aber parallel zum öffentlich produzierten Bild des fanatischen Kämpfers für "Führer, Volk und Vaterland" wuchsen die Zweifel. „Als überzeugter Neonazi lebst du in deiner eigenen Welt. Du lebst für die Ideologie und den Kampf, richtest dein gesamtes Leben darauf aus und weigerst dich, dich in die Gesellschaft zu integrieren und ein normales Leben zu führen. Das wäre ein Verrat an der Szene und den eigenen irrsinnigen Ansprüchen, vermeintlich besser zu sein als der Rest der Menschheit.“

Irgendwann stellte sich schließlich die Ernüchterung ein und ihm wurde bewusst, dass er sein Leben in eine Sackgasse manövrierthatte - zerstörerisch für ihn selbst und alle um ihn herum. Er beschloss deshalb in der Szene kürzer zu treten und seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Doch es kam noch einmal anders anders als geplant. Reitz kam erneut in Haft, diesmal in Untersuchungshaft. Der Grund: Ihm wurde die „Unterstützung einer kriminellen Vereinigung“ in Form des sogenannten „Aktionsbüro Mittelrhein“, einer lokalen Neo-Nazi-Kameradschaft in Rheinland-Pfalz, vorgeworfen. Während der U-Haft gab es für Reitz zwei Möglichkeiten. „Entweder ich entscheide mich für die Rolle des Märtyrers und Kämpfers gegen das System oder ich kooperiere mit den Behörden und breche dadurch konsequent alle Brücken zur Szene ab um so ein ganz neues Leben zu beginnen.“ Er entschied sich für Letzteres.

2012 stieg „Der Hitler von Köln“ nach 15 Jahren Aktivität aus der Szene aus und wurde in der Neonazi-Szene zum Verräter, den seine alten Kameraden jetzt in Anspielung an seinen von den Medien verliehenen Spitznamen nur noch "Judas von Köln" nennen. Nachdem er ausnahmslos alle Kontakte zu früheren Weggefährten abgebrochen hatte, begab sich Reitz in das staatliche Aussteigerprogramm für Rechtsextremisten des Innenministeriums in NRW und arbeitete mit dem Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten der evangelischen Kirche im Rheinland zusammen, um eine persönliche, politische und soziale Rehabilitation durch intensive und kritische Aufarbeitung seiner Vergangenheit zu erreichen. Der AB-Mittelrhein-Prozess end ete im Jahre 2019 durch Einstellung aller Anklagepunkte. Seitdem arbeitet Reitz daran, ein bürgerliches Leben aufzubauen. Er hat Arbeit in einer Unternehmensberatung gefunden und engagiert sich ehrenamtlich in der Extremismusprävention, um andere davor zu bewahren, die gleichen Fehler wie er selbst zu begehen.

Ob er hin und wieder noch an die alten Zeiten denke und alte Freunde vermisse? "Nein. Ich bin froh, dass dieser selbstgewählte Alptraum ein Ende gefunden hat. Leider viel zu spät, aber immer noch rechtzeitig, um ein zufriedenes und glückliches Leben in der Mitte der Gesellschaft führen zu können, ohne Hass, Gewalt, Fanatismus und Verschwörungstheorien. Echte Freundschaften existieren in dieser Szene ohnehin nicht, da ist man nur so lange gut gelitten wie man im gleichen Takt mitmarschiert, aber sofort abgemeldet, wenn man eigene Wege fernab des Extremismus beschreitet".

Seit seinem erfolgreichen Ausstieg ist Reitz allerdings nicht von einem Extrem ins andere verfallen. Anstatt vom Saulus zum Paulus zu mutieren, verortet er sich heute selbst als klassischer Liberaler - hin und wieder mit konservativem Einschlag. So plädiert er heute vor allem für die Freiheit des Individuums, wendet sich gegen Pauschalurteile und jede Form von Extremismus, ganz gleich ob links, rechts, religiös oder politisch motiviert.

„Es gibt Aussteiger, die von heute auf morgen mit ihrer extremen Vergangenheit brechen ohne sich selbst und die eigenen Beweggründe kritisch zu hinterfragen und die eigene Vita entsprechend aufzuarbeiten. Das führt dazu, dass der Ausstieg oberflächlich bleibt und sich nicht von den zu eigenen gemachten radikalen und unduldsamen Denkstrukturen emanzipiert werden kann. Jüngstes Beispiel ist die ehemalige rechtsaußen-Youtuberin Lisa L. Zuerst konnte es ihr nicht rechts genug sein, jetzt nicht links genug. Die Formen der Selbstdarstellung wechseln vielleicht, aber nicht die totalitären Muster. Einen Ausstieg von jetzt auf gleich betrachte ich immer kritisch. Es braucht Zeit, um sich tiefer mit seiner Vergangenheit und den Bewegründen seines Tuns auseinandersetzen zu könen. Sich ohne Umschweife radikal neu zu erfinden und zu positionieren ist toxisch für den Genesungsprozess.“, sagt der Extremismusexperte.

Auf seinem YouTube-Kanal "Der Reitz-Effekt" bespricht er regelmäßig aktuelle Ereignisse aus den Themenbereichen Politik, Gesellschaft und Extremismus. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Analyse und Kommentierung von extremistischer Propaganda, um diese für die Zuschauer erkennbar, einordbar und enttarnbar zu machen.

Für den gemeinnützigen Verein Extremislos e.V. engagiert sich Reitz zudem als Vortragsredner und Referent, Markenbotschafter und Ansprechpartner für Interessierte, Ausstiegswillige und Fachleute.

Verein

✔️ gemeinnütziger Verein Extremislos e.V. – AntiGewalt & De-Radikalisierung

http://www.extremislos.de/

►Youtube

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